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Hello World!

Es ist etwas über 16 Jahre her, daß ich mit Bernd Polster "Wie die Wilden" veröffentlichte.

Wir haben der heimlichen Tanzgeschichte nachgespürt. Jenen freien Bewegungen, die lange bevor sie von Pädagogen als Lehrmaterial auf Schrittmuster reduziert wurden, scheinbar aus dem Nichts auftauchten, sich wie Lauffeuer verbreiteten und verglühten. Jeder Tanz hat seine Zeit, ebenso wie die Musik. Wenn er lebt, fährt er wie von selbst in die Glieder. Stirbt er, bleiben leere Hüllen, Bewegungskostüme, die so oft für die wahre Gestalt gehalten werden. Wir richteten unseren Blick auf die Lebenszeit.

Wie in der Musik gehen im Tanz Einflüsse verschiedener Kulturen abenteuerliche Verbindungen ein. Spannend, zu verfolgen, welche Kreise, Haken, Parallellen, Ellipsen diese flüchtigen Zeugnisse des Rausches und der Geselligkeit auf ihren Kommunikationsrouten beschreiben. Wo sie doch kaum mehr Handfestes erzeugen als Schweißtropfen, blaue Flecke und ausgetretene Schuhe.

Tanzen bedeutet, den Körper auf die Reise zu schicken, ohne zu wissen wo er ankommt. Ähnlich war es mit unserem Buch. Als wir anfingen, uns mit der Geschichte der Tanzmoden im 20. Jahrhundert zu beschäftigen, wußten wir nicht, wo wir ankommen würden. Faktisch endet unser Buch mit der Zeit zwischen Punk und Rave. "Gibt es noch Bewegungen, die allen gemeinsam sind?" fragte ich damals unter dem Eindruck der wachsenden Heterogenität einer nicht mehr genuin als subversiv zu beschreibenden Jugendkultur, die sich in zahllose hippe und weniger hippe Splittergruppen versprengt hatte, stets bewacht von der Industrie, die die kreativen Impulse immer schneller abschöpfte, um sie in großem Stil zum Verkauf anzubieten. "Wie die Wilden" war ein Rezensionserfolg, doch leider gab es nach den relativ rasch verkauften spärlichen 2000 Exemplaren nie eine Neuauflage. Es folgten verschiedene Aufsätze von mir in diversen Büchern sowie eine mediaevistische Magisterarbeit zum Thema "Das Motiv des Tanzes in Texten des 12. bis 16. Jahrhunderts", die ich, hätte ich je ein Buch darausgemacht, wahrscheinlich "Himmel und Hölle" genannt hätte und die ein bißchen Grundlagenforschung zur hiesigen Tanzgeschichte liefert.

Wie es scheint, gibt es immer noch eine verschworene Fangemeinde von "Wie die Wilden", was vielleicht daran liegt, daß es keine vergleichbare Bearbeitung der Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts gibt. Immer noch werde ich oft gefragt, ob das Buch noch erhältlich ist oder ob es eine Forsetzung erfahren wird. Ich weiß nicht, ob ich je genügend Muße haben werde, eine Bestandsaufnahme und Analyse der letzten 15 Jahre des 20. Jahrhunderts zu unternehmen. Bevor dieses Projekt im endlosen versickert, möchte ich einige meiner Texte und Auszüge derselben nach und nach ins Netz stellen. Der Authentizität und meiner Bequemlichkeit wegen habe ich der Versuchung widerstanden, das ein oder andere umzuformulieren oder etwas hinzuzufügen. Wer mehr lesen will, sei vorerst an öffentliche Bibliotheken verwiesen.